Motomedix

Ein wesentlicher Grund, Chibodia ins Leben zu rufen, war die Müllkippe von Stung Meanchey. Es war der Anblick arbeitender Kinder, der mich bis ins Mark erschütterte - in mir den brennenden Wunsch nach Gerechtigkeit für diese Menschen entfachte.

Am dem Abend, nachdem Anne und ich zum ersten Mal die Müllkippe gesehen hatten und dort zwei Stunden wortlos herumgelaufen waren, schrieb ich diese E-Mail an unserem jetzigem Schatzmeister Chris Allgeier. Diese Auszüge vom 19.04.2006 geben am besten unsere Gedanken angesichts dieses Elends wieder:
„Hi Chris
Anne und ich waren heute Abend zum wunderschönen Sonnenuntergang auf der Müllkippe. Dort laufen verwirrte Kinder herum, die noch kleinere Kinder auf dem Arm tragen. Die Kleinen haben schlimmen Husten und einen geblähten Bauch. Die haben kleine Verschläge aus Müll auf Müll gebaut. Hab ein paar Bilder gemacht und geweint, weil es keinem so gehen muss,(...). DAS GEHT GAR NICHT. Wenn es eine Hölle gibt dann raucht und stinkt es so wie da, nur das da andere Leute reingehören als Kinder, die nicht wissen, dass das unnormal ist. Am liebsten hätte ich gesagt, dass ich sie mitnehme, (wasche) und lieben will. Warum ist das alles so. Sind wir Menschen so hartherzig geworden? (...) Vielleicht hätte ich mir das nicht ansehen dürfen, bin aber noch mehr der Überzeugung, dass das nicht geht (...)"
Selbst als ich mich einige Monate später gemütlich, abgesichert, beschützt, satt und im Verhältnis reich wieder in Deutschland befand, stimmte irgendetwas nicht mehr... Ich konnte mein Leben nicht mehr so führen, als wäre nichts passiert, als hätte ich nicht gesehen, was in einem anderen Teil der Welt gerade passiert. Die Müllkippe von Stung Meanchey ließ mich nicht mehr los. Sie verfolgte mich und zwang mich nach einigen zermürbenden Monaten zu handeln.
So weit zur Vorgeschichte... Nun hat sich der Kreis geschlossen: Motomedix! Eine gemeinschaftiche Idee von meinem mittlerweile leider verstorbenen Freund Nader Ebrahimi und mir.

- An den Folgen schwerer Infektionskrankheit verstorbener Freund Nader Ebrahimi
Wir beide hatten beim Aufbau von Motomedix alle Hände voll zu tun mit unserer jeweiligen Arbeit. Nader hat bis zu seinem Tod ein Kinderheim für Müllkippenkinder geleitet, Anne und ich betreuen zusammen mit Chibodia alle auf dieser Website beschriebenen Projekte. Doch am Wochenende nach getaner Arbeit bleiben 2-3 Stunden Zeit - kurz vor Sonnenuntergang - für die Menschen auf der Müllkippe. Für Nader und mich war es eigentlich keine Arbeit, eher eine Erinnerung daran, warum wir eigentlich hier sind. Es ist die Fahrt zur Müllkippe die uns entspannt. Es führte uns jeweils am späten Nachmittag über verschlungene Staub- und Schotterpisten , wenn die Sonne als glühenden Ball tief am Himmel steht und es langsam etwas abkühlt.
Manch Kambodschaner hat uns gewarnt, dass es in den Elendsvierteln rund um die Müllkippe gefährlich sein soll, doch wir sind mittlerweile bekannt und werden immer von einer Schar Kinder lautstark begrüßt. Wenn viel zu tun war, blieben wir auch nach Einbruch der Dunkelheit und haben stets nur uns freundlich gesonnene Menschen getroffen.

Anfangs war das Konzept von Motomedix einfach - der Name Programm. Wir fuhren mit geländetauglichen Motorrädern und mehreren Taschen voller Antibiotika und anderen Medikamenten (Salben, Verbandszeug, Augen- und Ohrentropfen und einigen medizinischen Instrumenten) dorthin, wo Autos nicht hinkommen.
In der Regenzeit verwandelt sich das Terrain rund um die Müllkippe in eine Mischung aus Müll, Matsch, Schlick und Schleim. Eines Nachts haben wir uns auf dem Rückweg verfahren, weil es schon dunkel geworden war und nachts bekanntlich alles anders aussieht. Wir fanden eine breite Straße und folgten ihr bis die Straße im Schlamm versank. Wir entschieden uns, es zu wagen. Mit Anlauf pflügten wir durch Schlamm. Es würde immer tiefer bis der Schlick bis zu den Knien reichte und dann... blieben wir stecken! Wir haben uns in dem Moment etwas gefürchtet, da wir mitten in der Nacht an den Ausläufern eines Elendsviertels plötzlich unserer Mobilität beraubt worden waren. Es dauerte eine anstrengende halbe Stunde bis wir unsere Motorräder befreit hatten.
Doch selbst in der Trockenzeit sind die verwirrenden Fußwege durch die Siedlungen für größere Fahrzeuge nicht befahrbar. Am Anfang fuhren wir immer an eine Stelle am Fuße des Müllbergs, wo wir unsere Motorräder abstellten und aus diversen Taschen heraus die Kinder und ihre Angehörigen medizinisch behandelten. Wenn die Bewohner der Siedlungen das Geknatter unserer Maschinen hörten, wussten sie, dass es Zeit für Motomedix war. Dann ziehen wir Nägel aus entzündeten Nagelbetten, verbinden Wunden, die fast immer schon infiziert sind, schneiden Eiterbeulen auf, behandeln den schon mit feinsten Härchen im Wind wehenden, grünlichen Fußpilz, verteilen Medikamente mit Anleitung zur Einnahme gegen Bronchitis, Darmwürmer, Ohrentzündungen und vieles mehr. Oft bringen uns Mütter ihre Kinder mit hohem Fieber und völlig apathisch - die Lymphknoten dick geschwollen. Ich frage mich dann oft, was mit den Kindern passiert, wenn wir gerade nicht mit Antibiotika zur Stelle sind. Die Antwort auf diese Frage ist nicht schwer zu erraten. Es gibt zwar keine Statistik, wäre aber interessant zu wissen, wie viele Kinder in diesen Elendssiedlungen - so nah zur Müllkippe und ihren offensichtlichen Gefahren für die Gesundheit - Fieber bekommen, austrocknen und versterben.

Was anfangs eher eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung war, haben wir nun in ein Projekt verwandelt, weil wir gesehen haben, dass es nicht ausreicht Krankheiten zu behandeln. Wir müssen mehr vorbeugen und die Menschen über die Gesundheitsrisiken aufklären und ihnen beibringen, wie man die Gefahren der Müllkippe, bzw. Slums vermeiden kann.
Motomedix hat nun drei kleine Einheiten, die wir jeweils "Gesundheitsklinik" nennen. Strategisch liegen sie mitten im jeweiligen Elendsviertel: alte Müllkippe, Lakeside Slum und dem Umsiedlungslager Andong Village. Jeweils ausgestattet mit Kühlschränke für Impfungen und Hitzeempfindlichen Medikamenten vorhanden, ein Medizinschrank mit allen Medikamenten, die man für die Behandlung von Slum-spezifischen Krankheiten benötigt, eine Liege, Geräte, wie, Stethoskop, Blutzuckermeßgeräte, Blutdruckmanchetten, EKG, Nadeln, Fäden, Spritzen, Scheren, Skalpell, etc.

Doch unsere größte Zukunftsvision für dieses Projekt ist die Legung einer Wasserleitung in diese Elendsgebiete. Ein Brunnen zu graben ist nicht möglich, da das Grundwasser von der Müllkippe laufend verunreinigt wird oder im Slum oft gar Arsen-vergiftet . Regenwasser ist für den größten Teil des Jahres nicht verfügbar.
Viele gesundheitliche Probleme, die der Slum hat, sind auf fehlendes sauberes Wasser zurückzuführen. Die Hälfte der Erwachsenen haben Kopfschmerzen und viele Kinder sind ständig dehydriert. Eine Gemeinschafts-Wasserleitung und eine Wasseraufbereitungsanlage würden Wunder bewirken...
Mit dem Sauberes Trinkwasser Projekt in Andong Village haben wir angefangen diese Vision in die Wirklichkeit umzusetzen.

Samuel Pehlke
(Chibodia Auslandsmitarbeiter)
letzte Aktualisierung: 08.12.2010



