Bild Kopfleiste

Bericht der Volunteerin Marieke Piekatz über Ihre Mitarbeit bei Chibodia

Meine Zeit in Kambodscha liegt nun fast eben solange zurück wie das Vorhaben, meine Erfahrungen in diesem Land in einen "lesefreundlichen" Bericht zu pressen. Doch da ich mit meinen Erlebnissen ganze Romanreihen füllen könnte, versuche ich, mich an das Wesentliche zu halten, um Außenstehenden und Interessierten einen Einblick in meine Zeit bei chibodia zu gewähren.

Alles begann mit einem Gespräch zwischen mir und einer Kollegin, die unter anderem Thailand, Indien und auch Kambodscha bereist hat. Sie erzählte mir von ihren Erlebnissen und von chibodia. Da mich das Thema Entwicklungshilfe seit langem interessierte und ich bereits des Öfteren (vergeblich) versucht hatte, einen passenden Verein zu finden, sah ich mir am gleichen Abend noch den Internetauftritt von chibodia an - und war begeistert!

Die Ehrlichkeit und Ethik, mit der sich chibodia präsentierte faszinierte mich. Zudem fesselte mich die Geschichte junger Menschen, die ihren Grundsatz "machen statt reden" so unbürokratisch und ohne großes Startkapital in die Tat umgesetzt hatten. Dieser Eindruck sollte sich auch in den folgenden Monaten bestätigen.

Nach einem Bewerbungsschreiben und mehreren kurzen E-Mail- "Briefwechseln" war es so weit - als Lehramtsstudentin durfte ich in einem mehrwöchigen Praktikum den Verein unterstützen und Unterricht geben. Nach einem mehrstündigen Flug stand ich -meine sieben Sachen auf dem Rücken-  in der Ankunftshalle des Flughafens in Phnom Penh. Sam und Anne brachten mich von dort in das Studentenwohnheim des Vereins, wo ich in den nächsten Wochen wohnen sollte.

Tags darauf zeigten die Beiden mir das Kinderheim mit Klassenzimmern - doch dort war an Unterricht zunächst nicht zu denken. Das komplette Haus war wegen des Monsuns überschwemmt, verlassen konnte man es nur noch dank eines Jeeps mit Allradantrieb, den das Kinderheim erst wenige Wochen zuvor gespendet bekam.  Nachdem die ganze Hausbelegschaft mit vereinten Kräften das Haus halbwegs trocken gelegt und die wichtigsten Utensilien in den ersten Stock geräumt hatte, konnte endlich der Englischunterricht beginnen.

Die Kinder lernten schnell und mit Begeisterung - und nicht selten vergaß ich über der Freude, die ich mit ihnen hatte, aus welchen Verhältnissen sie kamen: Elternlos aufgewachsen, unterernährt,  von der drogenabhängigen Mutter für ein paar Dollar verkauft - die Schicksale, die Geschichten, die mir nach und nach zu Ohren kamen, waren kaum fassbar. Doch wer im Hinterkopf die traurige Geschichte der kambodschanischen Bevölkerung,  ihre Armut und ihre Bildungsarmut hat, dem erklären sich bald die Biografien der Kinder. Umso schöner war es, zu sehen, wie sie in ihrem neuen, liebevoll gestalteten Heim regelrecht aufblühten - und ein Stück ihrer Kindheit zurück bekamen.

Begeistert sah ich mir einige Tage nach meiner Ankunft die Landschule von chibodia an - ein Angebot an die Kinder, die in ihren Dörfern weit außerhalb von Phnom Penh normalerweise kaum eine Chance auf Bildung und Betreuung hätten.

Natürlich können die Bauerfamilien sich keine Schule leisten - "öffentliche" Schulen sind nur den Kindern zugänglich, die den Lehrern unter der Hand das nötige Kleingeld zustecken. Zudem ist es verständlich, dass für Eltern, die nicht einmal wissen, wovon sie ihre Kinder satt kriegen sollen, ein Schulbesuch meist nicht erste Priorität besitzt. Chibodia hatte hier nicht nur eine Bildungsstätte für mehrere Hundert Kinder geschaffen, sondern auch einen Ort, an dem Zukunftsträume wachsen dürfen. Die Kinder führten mich durch das Dorf, zeigten mir ihre Häuser und erzählten mir in ihrem -zum Teil verblüffend gutem-  Englisch von ihren Plänen und Berufswünschen.

Der Besuch auf dem Land war einmalig - sobald man Phnom Penh verlässt, sieht man die eigentliche Schönheit des Landes: rotstaubige Straßen, sattgrüne Palmen, blauer Himmel. Das Grün der Reisfelder in der Regenzeit leuchtet fast Neon und lässt gewiss so manchen Besucher Kambodschas vergessen, in welcher Hilflosigkeit sich die Menschen dort befinden.

Einige Wochen waren vergangen, die andere deutsche Volontärin, Sandra, war inzwischen hinzugekommen und Sam bot uns an, ihn auf die Müllkippe zu begleiten. Dort befand sich die Fertigstellung der Motomedix-Klinik in den letzten Zügen und natürlich wollte ich mir auch davon ein Bild machen. Monate vorher hatte ich auf der chibodia-site die Artikel über dieses medizinische Projekt gelesen, die Bilder und Geschichten der Müllkippe kannte ich in- und auswendig.

Und doch merkte ich schnell, dass der Gedanke, ich wäre auf dieses Erlebnis vorbereitet, eine Illusion gewesen war.  Nach einer kurzen Fahrt durch die Slums hielten wir an der Müllkippe und stiegen aus dem Auto. Vor uns türmte sich eine ca. zwanzig Meter hohe, kilometerlange Landschaft aus Müll. Den Gestank, der uns entgegenschlug, werde ich mein Leben lang nicht vergessen - es war kaum möglich Luft zu holen, so sehr schürten mir die Dämpfe aus getrocknetem, frischem und brennenden Müll die Atemwege zu.

Und hier wohnten Menschen, hier spielten Kinder? Tatsächlich, bei näherem Hinsehen entpuppte sich die Müllkippe als Wohnsiedlung. Die Menschen lebten von, auf und mit dem Müll. Wir machten uns an die Arbeit, räumten die mitgebrachten Pflegeutensilien in die beiden Zimmer der  Motomedix-Gesundheitsklinik des Vereins und kehrten den Dreck der letzten Tage aus den Räumen. Bald kamen die ersten Patienten zur Klinik, ließen sich dankbar von Sam und seinem Kollegen Nadar mit Medikamenten verpflegen und ihre Wunden behandeln.

In den kommenden Wochen fuhr ich noch mehrmals mit auf die Müllkippe. Die Menschen dort waren freundlich und hatten sich in ihrer Lage eine bewundernswerte Würde bewahrt. Tödliche Gefahr drohte ihnen jedoch von verdrecktem Wasser, Dengue-Fieber durch Mücken und Entzündungen der Wunden - Dingen, die sich so einfach und günstig verhindern und lösen lassen.  Und nun war dank chibodia zumindest an dieser Stelle ein Anfang gesetzt.

Ich verließ Kambodscha nach sechs Wochen - mit meinen sieben Sachen auf dem Rücken und vielen neuen Erfahrungen im Handgepäck. Geblieben ist vor allem der Eindruck, wie viel ein Einzelner - oder eben ein einzelner Verein - bewirken kann. Anne uns Sam waren mit zwei Rucksäcken, vielen Ideen und viel Unterstützung aus Deutschland nach Kambodscha gereist. Innerhalb von unglaublich kurzer Zeit entstanden aus diesen minimalsten Grundvoraussetzungen ein Kinderheim mit Schule, eine Landschule, ein Studentenwohnheim und die medizinische Einrichtung Motomedix.

Viele Dinge und Projekte sind in der kurzen Zeit, die ich dort war, neu entstanden oder um große Schritte fortgeführt worden.

Viele nachhaltige Tropfen auf einen heißen Stein können eben doch etwas bewirken.

Newsletter




Aktuelles

Arbeit mit Motomedix

Nils Arnold und Kristina Fricke sind beide Ärzte und haben Chibodia ihre wertvolle Zeit, ärztliches...

mehr...

Neues ChildrensHome HOPE

Wie im September Newsletter erwähnt ist das erste Heim voll. Die Methodik, mit der Chibodia das...

mehr...
 Impressum | Kontakt