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Slum am Kanal

Eigentlich wollten Anne und ich, zusammen mit Phana (einer Chibodia Lehrerin in der Aziza Slumschule), uns nur den Slum am Kanal anschauen. Wir hatten davon gehört, dass es etwa 5 Kilometer von unserer Wohnung einen Slum gab, indem viele Kinder lebten. Ein Freund hatte uns erzählt, dass viele von ihnen unbekleidet und in bedenklichem Gesundheitszustand waren.

Brücke über den Fluss

In diesem Slum säumten erbärmliche Hütten beide Ufer des stinkenden Kanals. Obwohl dieser Kanal mit allem Erdenklichem angefüllt war und bestimmt auch einiges führte, woran wir gerade nicht dachten, sahen wir Kinder darin schwimmen. Wie so oft in Kambodscha dachte ich: Nicht gut, gar nicht gut.

Kanal durch den Slum

Junge mit verletztem FingerEine Holzbrücke führte über den Kanal und wir sahen uns erst einmal das gegenüberliegende Ufer an. Als wir wieder auf die Seite gelangten, wo wir unser Moped abgestellt hatten, gingen wir auf und ab und sprachen mit Phanas Hilfe mit den Bewohnern. Ich hatte mich innerlich auf Elend vorbereitet und doch waren wir auf eine unerwartete Situation, die noch kommen sollte, nicht eingestellt: Vor einer der Hütten, saßen einige Menschen - eigentlich wollten wir vorbeigehen - doch Anne fragte: "Was ist das denn?" Ich drehte mich der Gruppe zu und sah, was sie meinte. Dort stand ein Junge und hielt seine Hand hoch, besser gesagt seinen rechten Zeigefinger. "Messy", dachte ich. Sein Finger war geschwollen, gerötet, dreckig, Blut verkrustet und am Gesichtsausdruck zu urteilen schmerzhaft. Ständig biss sich der Junge die Oberlippe.

Ich sah mir den Finger genauer an und wir stellen einige Fragen, die Phana ins Kambodschanische übersetzte. Der Junge hatte sich irgendwo den oberen Teil seines Fingers, samt Nagel, halb abgerissen.

Vor einer Woche!

Seitdem hielt er den Finger hoch. Ich weiß nicht, was sich die 19-jährige Mutter dachte, aber es spielte eigentlich auch keine Rolle, denn Medikamente oder gar eine Behandlung konnte sie sich nicht leisten. Sie wusste nichts von der Existenz einiger Wohlfahrtskliniken und selbst wenn, konnte sie sich die Fahrt dorthin nicht leisten. Ich überlegte, ob ich den Jungen selbst in eine Klinik fahren sollte, verwarf diesen Gedanken aber, weil wir dort stundenlang warten würden.

Der Finger musste dringend behandelt werden. Die Wunde hatte sich natürlich schon infiziert und es würde in dieser Umgebung bestimmt nicht von allein besser werden. Eher würde sich eine Sepsis entwickeln, die das Leben des Jungen bedrohen konnte. Ich wollte mir gar nicht ausmalen, was passiert wäre, wenn wir nicht dort vorbei gekommen wären und den Jungen gesehen hätten.

Wie schnell sich Pläne für den Tag ändern können...

Da wir nicht die richtigen Verbandsmaterialien für eine solche Wunde dabei hatten, fuhren wir in eine Hauspraxis, die sich unweit vom Slum befand. Dort kauften wir flüssiges Antibiotikum, Desinfektionsmittel und Verbandszeug. Zusammen reinigten wir die Wunde. Der Junge schrie dabei so herzzerreißend, sodass ich nach der Prozedur völlig durchgeschwitzt war.

Man kann sich vorstellen, dass der Junge uns nicht wirklich dankbar war. Er verstand nicht, dass wir ihm halfen, obwohl wir Phana übersetzen ließen, dass wir es gut meinten. Später erfuhren wir, dass der Junge schon 5 Jahre alt war. Seine Mutter hatte ihn mit 14 bekommen und war wieder schwanger, wie man unschwer erkennen konnte. Wir hatten ihn auf  drei Jahre geschätzt.

Jedes Mal, wenn wir in den Slum fuhren, um den Jungen zu behandeln, musste die Mutter ihn suchen und einfangen. Immer wenn er uns kommen sah, fing er an zu weinen.

Zwei Wochen lang führen wir (immer wenn wir Zeit dazu fanden) jeden zweiten oder dritten Tag in diesen Slum, um die Wunde zu säubern und zu verbinden. Ich hatte immer Sorge, dass der Verband sich in der Zwischenzeit löste oder der Junge im Kanal schwamm.

Eines Tages war es soweit. Als wir in den Slum kamen, lief der Junge ohne Verband herum und ich runzelte die Stirn. Doch nachdem wir seinen Finger untersuchten, stellten wir fest, dass kein Verband mehr nötig war. Ich sprühte den Finger mit Desinfektionsmittel ab und war froh, dass der Junge nicht mal mehr schrie.

An diesem Abend fuhren Anne und ich erleichtert und glücklich nach Hause.

Anne und Samuel Pehlke

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