Die kleinen Dinge, die uns viel bedeuten...
Im September war unser Schatzmeister Chris Allgeier in Kambodscha, um diverse Chibodia Einrichtungen zu begutachten und bei anstehenden Entscheidungen zu beraten. Wir waren gerade zu Hause und gingen ein paar Dinge durch, die Chibodia betrafen, als wir einen Anruf von einem unserer Lehrer erhielten, dass sich ein kleiner Junge im Slum verletzt habe. Auf Nachfrage erhielten wir die Auskunft, dass der Junge sich am Bauch verbrannt hatte.
Wie so oft zuvor packten wir alles, was wir zur Versorgung der Wunde brauchten, zusammen und fuhren los. Im Slum gingen wir zuerst zur Aziza-Schule, um einen unserer Schüler als Übersetzer mitzunehmen.
Es dauerte eine kleine Weile bis wir den Jungen ausfindig machen konnten. Man erzählte uns, dass sein Vater schlief und seine Mutter arbeiten war. Außerdem hatte der Junge wohl gehört, dass ihn die Weißen suchten und das konnte nur bedeuten, dass "sie" ihn behandeln wollten. Dies wollte der Junge aber nicht. Er war verständlicherweise traumatisiert. Kein Wunder.
Er war beim Fahrrad fahren gestürzt und mit seinem Bauch in einen Topf kochendes Fett gefallen. Wie das passieren konnte, war mir anfangs auch schleierhaft. Doch im Slum wird auf engstem Raum gespielt, gekocht, gearbeitet, geschlafen und vieles mehr. Da war natürlich auch dieses unwahrscheinliche Ereignis gegeben.

Der Junge hatte am Anfang Angst.
Der Junge fing an zu weinen, wenn man sich ihm nur annäherte. Er wußte was kommen würde und er wußte, dass es schmerzhaft sein würde. Eine Verbrennungswunde muss von nekrotischem Gewebe gereinigt werden, weil sonst Vergiftungserscheinungen als Komplikation auftauchen können. Bevor wir die Wunde sahen, berieten Chris und ich, was zu tun sei. Eigentlich müßten wir die Wunde abrubbeln, um verbrannte Haut- und Fleischreste zu entfernen.
Wir suchten uns ein geeigneten Ort - einen freistehenden Tisch - um eine Behandlung durchzuführen. Mehrere ältere Kinder wollten uns helfen und hielten den Jungen fest, der sich nun vehement wehrte. Chris und ich sahen uns an und waren uns ohne Worte einig, dass wir im Slum nicht den Eindruck hinterlassen wollten, dass wir den Jungen, der mittlerweile schon schrie, unnötig quälten...

Der Junge wird festgehalten
Als wir darüber nachdachten, wie wir den Jungen beruhigen konnten, kam ein älterer Mann herbei. Er zog ein ernstes Gesicht auf und sagte dem Jungen in strengem Ton, dass jetzt Schluß sei mit dem Geschrei und er ruhig halten soll. Danach hielt er die Beine fest und einige ältere Kinder die Arme des Jungen. Der Ärmste wimmerte nur noch leise und wehrte sich nur noch wenig. Jetzt mußten wir behandeln, denn wir würden keine zweite Chance bekommen. Wir ließen übersetzen, dass es lediglich etwas kalt werden würde und bestimmt nicht weh tut. Anne hatte mir in weiser Voraussicht noch einen kleinen Stoffbären mit Santa Klaus Mütze mitgegeben, den ich ihm zur Ablenkung gab.
Wir entschieden uns die Wunde mit Hilfe von Tupfern und Povidone-Iodine einzuweichen, da die Brandwunde belegt war und wir so wenig Schmerzen wie möglich verursachen wollten.

Die Wunde wird eingeweicht.
Nach 5 Minuten zogen wir die Tupfer ab und konnten so den Belag mit entfernen. Der Junge hatte sich entspannt und schien wie abwesend zu sein, als wir ein Gaze-Verband (Spende aus Deutschland) anlegten, um die Wunde vor dem Schmutz des Slums zu schützen.

Der Junge wird ruhig
Zwei Tage später suchten wir den Jungen zu Hause in der Hütte seiner Großfamilie wieder auf. Der Verband war am Abend zuvor entfernt worden und die Wunde sah gut aus. Wir desinfizierten den Bauch des Jungen und ließen die Wunde offen, da sich schon Grind gebildet hatte. In der Luft würde sie weiter gut abheilen.

Und wieder stellte ich fest, dass dies der Teil unserer Arbeit ist, der mir am meisten bedeutet, weil man unmittelbar für die Menschen im Slum etwas tun kann. Die Resultate sind sofort greifbar. Solche Erfolge ermutigen meine Frau und mich (und in diesem Fall auch unseren Schatzmeister Chris Allgeier). Es gibt uns allen bei Chibodia den Glauben etwas bewegen zu können und die Kraft langfristige Projekte anzugehen und umzusetzen. Die Welt ist für den Einzelnen im Kleinen veränderbar und wo mehrere zusammenarbeiten auch im Großen und Ganzen.
