Fußball, Wetten und Kambodschaner
Am Sonntag findet ein wichtiges Fußballspiel im Olympic Stadion statt, sagten uns einige Kinder aus der Aziza Schule. Sie fragten weiter, ob wir ihnen einen Besuch der laufenden "AFFU17 Youth Championship 2007" ermöglichen könnten. Sie wollten Kambodscha gegen Brunei spielen sehen.
Als wir zustimmten, machten sich die Kinder augenblicklich daran aus Aluminiumbüchsen, Luftballons und Plastikflaschen Tröten und Hupen zu basteln. Sie bemalten sich gegenseitig die Gesichter mit den Farben der kambodschanischen Flagge.


Kampfbemalung
Slogans wurden Buchstabe für Buchstabe auf DIN3 Papier gemalt, damit später einige Schüler beim Spiel jeweils ein Blatt hoch halten konnten, um gemeinsam die Wörter W-E-L-C-O-M-E- -C-A-M-B-O-D-I-A zu bilden.

Zu den Accessoires einer Fußball-Schlacht gehört natürlich auch eine riesige Trommel, die noch irgend jemand auftreiben konnte. An statt nur mit der Trommel zu lärmen, spielten sie zu unserer Überraschung darauf eingängige Rythmen.
Sambath, einer unserer Lehrer an der Aziza Schule, besorgte zwei Tuk-Tuks, die zweimal vom Slum zum Olympic Stadion hin und her fahren mußten, um die 48 Kinder und Teenager zu transportieren.
An dieser Stelle werdet ihr euch vielleicht fragen (wie auch ich): Warum heißt dieses Stadion „Olympic"? Das in den 1960er Jahren gebaute Stadion, diente ein einziges Mal vor dem Krieg als Stätte der „Asian Olympic Games". Damals florierte Kambodscha - Phnom Penh war die Perle Südost Asiens und die nationale Fußballmanschaft stand sogar auf dem Treppchen! Es ist für mich immer wieder erschreckend zu sehen, wie gründlich ein Krieg jeden, aber auch wirklich jeden Bereich eines Landes und seiner Einwohner zerstört.
Wir entrichteten 48 mal die Eintrittsgebühr (1000,- Riel = 0.20 €) und suchten gute Sitzplätze.
Ich mußte mich auf meine Schuhe setzen, weil die Steine so heiß waren, dass mein Hintern zu verbrennen drohte. Doch dann stellte sich mir das Problem: Wohin mit den Füßen...
Zum Glück hatten Anne und ich unsere Hüte mitgebracht, denn das Stadion glich einem Backofen, ohne auch nur die Andeutung von Schatten. Bei über 35°C und der direkten Sonne ausgesetzt, schwitzten wir mehr, als wir trinken konnten. Wir hatten 40 Liter Trinkwasser mitgebracht und noch vor der Halbzeit mußten wir Wasser für die Schüler und uns zukaufen. Selbst unsere Schüler, die die Hitze gewöhnt sind, hielten sich Kartonpappe, T-Shirts oder ein Blatt Papier über den Kopf, um sich vor der stechenden Sonne zu schützen.

Wir waren eine Stunde vor dem Spielbeginn gekommen, da wir alle zusammen sitzen wollten und damit rechneten, dass das Stadion voll werden würde. Als die Mannschaften gegen 16 Uhr in das Stadion einliefen, fiel mir auf, dass die kambodschanische Mannschaft aus vielen hochgewachsenen Spielern bestand. Im Verlauf des Spiels würde mir jedoch klar, dass die Mannschaft aus Brunei lediglich viel jünger war und die Khmers deswegen so groß wirkten.

Ich mußte daran denken, dass viele Kambodschaner kein Paß besaßen und oft nicht wußten wie alt sie waren. Manche machten sich bis zu zwei Jahre jünger - dies ist wegen fehlenden persönlichen Papieren und mangelnder Dokumentation ohne Probleme möglich. Zu diesem Trick griff man, um sich noch in eine bestimmte Klasse der öffentliche Schule einschreiben zu können, oder sich für ein staatliches oder privates Hilfprogramm zu qualifizieren. Dieser Umstand schien der kambodschanischen Mannschaft einen klaren Vorteil zu bescheren. Sie gewannen jeden Zweikampf und jedes Kopfball Duell. Drei Spieler aus Brunei mußten sogar verletzt vom Spielfeld getragen werden.
Die Kinder hatten viel Spaß und es war schön zu sehen, wie sie richtig mitfieberten. Zum Teil waren die Zuschauer mehr damit beschäftigt eine gute Laola zu inizieren, als dem Spiel zuzuschauen. Bald stand es 2:0 für Kambodscha.
Doch interessant wurde es erst in der zweiten Halbzeit, obwohl kein Tor mehr fiel. Brunei spielte defensiv und wehrte erfolgreich die vielen Torchancen des kambodschanischen Teams ab. Etwa 15 Minuten vor dem Ende des Spiels flogen etliche halbvolle Wasserflaschen aus dem Publikum richtung Spielfeld. Das Sicherheitspersonal (die Polizei) mußte am Spielfeldrand oft ausweichen, um nicht getroffen zu werden. Anfangs glaubte ich, dass ich eine Fehlentscheidung des Schiedsrichters nicht bemerkt hatte und das der Zorn der Zuschauer sich bald wieder legen würde. Ich fragte unsere Schüler und Sambath was dieser Ausbruch zu bedeuten hatte. Doch auch sie wußten es nicht.

Etwa fünf Minuten bevor die Zeit für das Spiel ablief, wollte Sambath gehen. Ich fragte ihn, ob er wegen einem möglichen Gewaltausbruch schon gehen wollte oder einfach nur den Ansturm der Besucher auf die Ausgänge vermeiden wollte. Beides, antwortete er. Doch die Schüler hatten mitgehört und wollten natürlich bis zum Ende bleiben.
Nach dem Spiel schienen einige Khmer wütend zu sein, was ich anfangs nicht verstehen konnte, da Kampuchea 2:0 gewonnen hatte. Doch ich hatte auch schon von Gewalt bei öffentlichen Spielen gehört und drängte die Gruppe zum sofortigen Aufbruch, denn wir hatten auch einige 10-14jährige dabei. Es war ein Geschiebe und Gedränge bis zur Straße vor dem Stadion, wo der Verkehr vollkommen zusammenbrach. Einen Tuk-Tuk Fahrer konnten wir ergattern und packten alle Kinder unter 16 hinein und schickten sie mit einem der älteren Schüler nach Hause. Da der Verkehr fast zum erliegen gekommen war, entschlossen sich die Älteren in den Slum zurück zu laufen. Anne und ich waren auch zu Fuß gekommen, weil wir ein Verkehrsinfarkt schon vermutet hatten.
Etwa 20 Minuten nach Spielende waren alle sicher zu Hause und wir erfuhren, was den Zorn der Zuschauer entfacht hatte und was noch passiert war, nachdem wir gegangen waren. Scheiben von geparkten Autos wurden eingeschlagen, Motorräder wurden umgestoßen und zerstört, unter anderem auch ein Polizei Motorrad in Brand gesetzt und man konnte Schüsse hören! Auch das kambodschanisch Team wurde von der Gewalt nicht verschont. Vier Spieler wurden mit Steinen am Kopf getroffen. Und das obwohl sie gewonnen hatten...
Warum?
Einer der zwei Hauptsponsoren des Turniers war „Cambo Six", die mächtigste Sportwetten GmbH in Kampuchea. Der Tipp zur Wette auf den Straßen Phnom Penhs bezüglich des Fußballspiels war wohl, dass die Spieler der kambodschanischen Mannschaft viel stärker als ihre Gegner aus Brunei sein würden. Es wurde allgemein angenommen, dass Kambodscha mindestens 3:0 gewinnt und dass ein 4:0- oder gar 5:0-Sieg wahrscheinlich war. Um ihren Einsatz größtmöglichst zu verfielfachen, hatten viele Khmers auf einen hohen Sieg gewettet. Weil diese Wette so sicher schien, hatten viele Motodops (Motorrad-Taxi-Fahrer) ihr Motorrad verwettet. Dies kommt einem finanziellen Selbstmord gleich, da sie auf ihr Motorrad angewiesen sind um Geld zu verdienen. Dass die Verärgerung groß war, konnte ich nun nachvollziehen. Es ist in Kambodscha nicht unüblich sein Restaurant, Haus, Moto oder was man sonst so besitzt bei einer Wette zu verlieren.
Wir hatten gelernt, dass Fußball, Wetten und Kambodschaner eine gefährliche Mischung darstellt...
Anne & Samuel
