Ein erster Bericht
Es ist sechs Uhr in der Frühe und ich bin wie so oft schon wach. Vielleicht liegt es daran, dass wir gestern zeitig zu Bett gegangen sind. Wahrscheinlicher ist, dass ich die kühlste Zeit des Tages genieße. Um neun Uhr hat die heiße kambodschanische Sonne schon alles auf 30 Grad erhitzt. Bis 16 Uhr klettern die Temperaturen auf ihren Höhepunkt. Wenn die Sonne untergegangen ist, bleibt die Hitze - gespeichert in den Steinen - gefangen in den Häusern.
Gestern habe ich gefragt, wann es das letzte Mal geregnet hat und man konnte sich an den Dezember erinnern. Alles ist staubig und am Mittag steht die Luft, geschwängert von den Abgasen der vielen Motos.
Drei Wochen sind wir hier und die Tage fliegen dahin. So ereignisreich, dass man Seiten über Seiten damit füllen könnte. Doch wo fangen wir an zu erzählen? Wie kann man mit Worten erklären, was passiert ist? Es werden einzelne Begebenheiten sein, die einem durch den Kopf schießen.
Letzte Woche saßen wir unten zusammen mit der Familie in deren Haus wir wohnen. Die Mutter des Hauses, Madam Masy, hatte Anne gezeigt, wie man Sojamilch macht und nun schwatzten wir. Sie sprachen sehr wenig englisch und wir noch weniger Khmer und deswegen weiß ich noch immer nicht wie das Gespräch auf die Pol Pot Zeit gekommen ist. Vielleicht weil man Gefangenschaft und Folter mit Händen und Füßen erklären kann? Die Oma des Hauses sprach nicht ein Wort englisch und doch haben wir sie verstanden. Die Roten Khmer haben sie in ein Erdloch gesteckt, das randvoll mit Gülle angefüllt war. Bis zum Hals... Ihren Mann haben sie getötet. Weiter kam Oma nicht. Der alten Frau liefen die Tränen über ihre lederige Haut und sie winkte ab. Man sah ihr an, dass sie bis heute nicht wusste, warum man ihr diese Dinge angetan hatte. Madam Masy erzählte von ihrer Gefangenschaft, wie man sie gefesselt hatte, so fest, dass es weh tat und Striemen hinterließ... Auch sie wischte sich über ihre tränengefüllten Augen und verstummte.
Die Nachbarin und Freundin des Hauses konnte am besten englisch, weil sie vor dem Regime der Khmer Rouge studiert hatte. Sie konnte englisch lesen und schreiben, sie hätte eine Zukunft gehabt. Doch sie musste nach Thailand flüchten - in einer der großen Flüchtlingslager. Damals wollte sie nicht mehr in Kambodscha wohnen, zu groß war die Angst vor Pol Pots Willkür. Und als alles zerstört war, ihr Mann und ein Großteil ihrer Familie umgekommen waren, wurde Pol Pot endlich aus Phnom Penh vertrieben. Doch blieb ihr, der gebildeten jungen Frau, nur noch das harte Leben als Verkäuferin in einem der vielen Märkten, um ihre Kinder durchbringen zu können.
Wir dachten, dass es nicht schlimmer kommen konnte, als sie anfingen von AIDS zu erzählen (von den UNTAC-Blauhelmen Ende der 80er, Anfang 90er mitgebracht worden). Doch auch dieses Schicksal betrifft die Familie. Vor etwa 13 Jahren waren Madams Masys Bruder und seine Frau an HIV gestorben. Sie hinterließen zwei Mädchen. Das erklärt auch warum die zwei Kinder des Bruders hier wohnen. Srey Roth ist 19 und Theary 20 Jahre alt. Die beiden sind glücklicherweise gesund.
Man merkt, dass das Kämpfen und Morden vor noch nicht einmal zehn Jahren endlich abgeebbt ist. Verheilt ist hier noch nichts. Es schlummert unaufgearbeitet unter der Oberfläche. Verurteilt oder gar vor Gericht stand noch kein Kader der Roten Khmer. Korruption blüht und Armut, Krankheit und Elend sind noch allgegenwärtig.
Doch die Kinder können nichts dafür. Sie sind die nächste Generation. Sie sind die Hoffnung dieses Landes und von ihnen gibt es viele hier. Sie bevölkern zu Hunderten die Müllkippen, zu Tausenden rennen sie verachtet und verwahrlost auf den Straßen dieses geschundenen Landes herum.
Kinder sind überall auf der Welt (auch in Kambodscha) die Ersten die leiden, wenn Menschen grausam sind oder es nicht genug zu essen gibt - kurz, wenn die Liebe fehlt, fehlt sie den Kindern am meisten.
Letztes Wochenende gab es in der Slumschule einen kitschigen Khmer-Film an unserem Samstagabend-Kino (kleiner Fernseher, aller ältester Bauart) und es ging um schwierige Familienverhältnisse. Die Hälfte der Kinder fing an zu weinen, weil es sie an ihre eigene Situation erinnert hat.
Daran mussten wir denken, als wir die Slum-Kinder am nächsten Tag zum Schwimmen mitnahmen. Trauben von Kindern hingen an meinem Hals. Anne hatte alle Hände voll zu tun, denn jeder wollte mal im Wasser herumgetragen werden. Seitdem fragten uns jeden Tag Kinder wann es denn das nächste Mal zum Schwimmen geht. Obwohl kaum einer der Slum-Kinder schwimmen kann und man sehr aufpassen muss, dass niemand ertrinkt, ist dieser Tag einer unserer schönsten Erinnerungen bisher. Es liegt bestimmt daran, dass die Kinder an diesem Tag, Kinder sein durften und wir sie so glücklich sehen konnten. Alles, was wir an diesem Tag an Lebensenergie abgegeben haben, bekamen wir sofort in Lebensfreude zurück.
Mensch, war der Pool dreckig, nachdem die Kinder drin waren. Glaube nicht, dass der nette Pool-Besitzer uns sein Schwimmbecken noch mal zu Verfügung stellt...
Anne und Samuel Pehlke
